Haltungsbedingungen

 

Neben der Erzeugung von klimaschädlichen Treibhausgasen führt die Rinderhaltung für die Milchproduktion zu einem ähnlichen, massenhaften Leid wie in der Fleischindustrie. Denn die Intensivtierhaltung der modernen Landwirtschaft strebt einzig und allein danach, die maximale Menge an Fleisch und Milch so schnell und billig wie möglich zu produzieren.

 

Früher überwiegend auf Wiesen gehalten und als Feldarbeitstiere eingesetzt, konnten die Kühe durch Mechanisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft als reine Milchtiere genutzt werden. Damit sank ihr Lebensalter von etwa 18 auf heute fünf bis sechs Jahre (1). Durch ständig intensivierte Zuchtauswahl und dem Kraftfutter (Proteinpellets aus gepresstem Getreide oder Soja und diversen Beimischungen), das nichts mit dem ballaststoffreichen Wiesengräsern zu tun hat und daher für das Wiederkäuerverdauungssystem nicht geeignet ist, konnte die „Milchleistung“ ständig gesteigert werden. (2) Um 1850 betrug die jährliche Milchleistung einer Kuh etwa 1.000 Kilogramm, um 1950 schon 2.500, 1970 etwa 3.900, um 1980 etwa 4.600 und 1990 etwa 5.000 Kilogramm. Heute liegt sie bei 8.000 bis 10.000 Kilogramm (3).

Weitere Gründe für diese Steigerungen sind die Zugabe von Hormonen, die ununterbrochene Folge von „Trächtigkeit“, also Schwangerschaft, durch künstliche Befruchtung noch während der Laktation (4) und die Rationalisierung und Technisierung der Melk- und Haltungssysteme im Stall.

 

Weidefutter und Weidegang stehen effizienter Milchproduktion und Intensivtierhaltung diametral gegenüber.

 

Die etwa 4.200.000 Milchkühe (5), die in Deutschland leben, verbringen den Großteil ihres Lebens in riesigen Ställen oder auf von Fäkalien verseuchten Plätzen, die kaum mehr Raum bieten, als der eigene Körper zum Stehen oder Liegen braucht. Kühe und Kälber werden in Ställen oder Boxen oft so beengt gehalten, dass sie sich kaum umdrehen können. Die Milchkuh auf der Weide bildet die Ausnahme. Die überwiegende Mehrzahl Milchkühe in Deutschland lebt ganzjährig in Boxenlaufställen. Weniger als ein Prozent der Milchkühe in Deutschland haben mehr als 40 Wochen Weidegang (6). Die meisten werden in der Stallhaltungsform „Laufstall Gülle“ und etwa 30 Prozent (7) in Anbindehaltung gehalten, welche die Kühe am Hals fixiert, fast zur Bewegungslosigkeit zwingt. In Bayern werden sogar 65 Prozent der Milchkühe in Anbindeställen gehalten (8).

 

Sind die Tiere nicht genetisch hornlos, werden ihnen die Hornansätze gewöhnlich ohne Betäubung verätzt oder verbrannt, damit sie sich in der Enge der Haltungseinrichtungen nicht verletzten. Da dort Nerven enden, ist die Enthornung eine extrem schmerzhafte Prozedur für die Tiere. Obwohl sogar die Tierärztliche Vereinigung dringend eine „Schmerzausschaltung“ mittels Lokalanästhesie kombiniert mit Sedation und postoperativer Schmerzreduktion empfiehlt (9), ist diese gesetzlich nicht vorgeschrieben und daher unüblich. Laut EU-Öko-Verordnung und Tierschutzgesetz (TierSchG) ist die Enthornung auch für die Biohaltung nicht verboten.

 

Die allermeisten Kühe fristen ein Leben auf kotverschmierten Spaltenböden in industriellen Tierfabriken — oft krank und unter Schmerzen

 

Aufgrund der unnatürlich hohen Milchleistung, auf die sie gezüchtet wurden, leiden die meisten Milchkühe an Euterentzündungen sowie an Bein- und Fußkrankheiten. Der geringe Platz, die Betonspaltenböden, die nassen und mit Gülle verschmutzen Böden und mangelhafte Hygiene stellen die größten Gefahren für die Verursachung von Bein- und Fortbewegungsproblemen dar. Klauenstörungen kommen bei bis zu 50 Prozent aller Milchkühe vor (10). Diese erhöhen die Anfälligkeit für andere Erkrankungen wie Mastitis und Stoffwechselkrankheiten. Die epidemische Verbreitung von Mastitis, eine schmerzhafte bakterielle Entzündung der Euterdrüsen, begann mit der Einführung der Melkmaschinen in den Nachkriegsjahren des 20. Jahrhunderts. Durch eindringende Erreger, dem Liegen auf verkoteten Betonflächen und der Fütterung mit Kraftfutter, statt mit artgerechter Nahrung wie Gras und Heu, verbreitet sich die Krankheit zusätzlich. Sie ist heute zu einem flächendeckenden Problem geworden und betrifft etwa 30 bis 50 Prozent aller Kühe in Europa (11). Da Mastitis nur mit Penicillin und Antibiotika bekämpft werden kann, ist sie der häufigste Grund für den Antibiotikaeinsatz bei Kühen. Im Juli 2009 bemängelte sogar die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit in einem Gutachten die Haltungsbedingungen und die auf hohe Milchleistung gerichtete genetische Auswahl, die für die erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen bei Milchkühen verantwortlich sind (12).

 

Die allermeisten Kühe, deren Milch(produkte) heute im Handel erhältlich sind, fristen ein Leben auf kotverschmierten Spaltenböden, ohne natürliche Familienstrukturen, körperlich überlastet, oft krank und unter Schmerzen, gefangen hinter Mauern industrieller Tierfabriken, die sie erst wieder auf ihrem Weg in den Tod verlassen werden.

 

 

 

 

 

1 Maria Rollinger: Milch besser nicht, Erfurt 2004, S. 72.

 

2 Für das Kraftfutter wird das Futtermittel mit pflanzlichen und tierlichen Eiweißen angereichert, die häufig aus den Abfällen der Lebensmittelindustrie stammen, wie beispielsweise Molkenpulver, Sojarückstände, Kockosnussschalen, verbrauchte Fette der Nahrungsmittelindustrie oder sogar Tiermehl und Tierfett. Rollinger S. 81.

 

3 Angabe des Deutschen Verbandes für Leistung- und Qualitätsprüfungen (DLQ) für die Saison 2011/12; Link.

 

4 Zeitraum der Milchabgabe bei Säugetieren.

 

5 Statistisches Bundesamt, Stand November 2012, Link.

 

6 Statistisches Bundesamt, Landschaftszählung 2010.

 

7 Statistisches Bundesamt, Landschaftszählung 2010, Link, S. 9.

 

8 Landeskuratorium der Erzeugerringe für tierische Veredelung in Bayern e.V. (LKV), Februar 2009.

 

9 Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V.: Zur Enthornung von Rindern, Merkblatt Nr. 86, 2012.

 

10 Eine Studie aus Göttingen, die 11 Betriebe in Ostdeutschland untersuchte, zeigte, dass ca. 14% an digitaler Dermatitis (Infektion der Hufe, typischerweise an der Ferse), 16,5% an Hufgeschwüren, 10% an Wall disorder und 7% an interdigital hyperplasia litten. Das wären insgesamt 47%. Da die Studie aber nur über 200 Tage geführt wurde, kann davon ausgegangen werden, dass die tatsächliche Rate höher ist, Konig, Wu, Gianola, Heringstad, Simianer: Exploration of Relationships Between Claw Disorders and Milk Yield in Holstein Cows via Recursive Linear and Threshold Models, Journal Of Dairy Science, Jan. 2008 91, S. 395-406.

 

11 EU-BST-Tier-Report 1999, S. 29 ff., Link; Insgesamt lassen sich unterschiedliche Zahlen finden: Böhringer-Ingelheim schreibt, dass eine Mastitisrate von 30% (also 30 akute Mastitisfälle pro Jahr bei 100 Kühen) als normal gilt, Link; 2009 gab Sachsen-Anhalt die klinische Mastitisrate mit 50% an: Link; Angabe einer Mastitisrate mit über 30% in England: Link.

 

12 Die EFSA führt darin das zu geringe Platzangebot und die hohe Milchleistung auf die Zunahme von Lahmheit/Bein- und Fußkrankheiten, Euterentzündungen und Fortpflanzungs- und Stoffwechselstörungen zurück. EFSA (European Food Safety Authority), Juli 2009, Link (Englisch), Link (Zusammenfassung).

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